12. aid-Forum stellte Studie über Essalltag in Familien vor


Die geläufige These, dass sich traditionelle Arbeitsteilungsmuster in der jungen Männergeneration allmählich auflösen, lässt sich nicht halten – so das Fazit der Familiensoziologin Prof. Uta Meier-Gräwe im Rahmen des 12. aid-Forums "Männer wollen mehr, Frauen wollens besser – Ernährungskommunikation unter Gender-Aspekten". Die am Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung der Universität Gießen tätige Wissenschaftlerin stützt sich dabei auf eine interdisziplinäre Untersuchung zum Thema "Essalltag in Familien – Ernährungsversorgung zwischen privatem und öffentlichem Raum", die sie gemeinsam mit Kolleginnen des Instituts für Ernährungswissenschaft und des Zentrums für Internationale Entwicklungs- und Umweltforschung der Justus-Liebig-Universität Gießen durchgeführt hat.

Die Studie stellt erstmals berufsgruppen- und milieuspezifische Befunde einer systematischen Analyse der Zeitbudgets, Mahlzeitenmuster und Strategien zur Organisation der familialen Ernährungsversorgung zwischen privatem und öffentlichem Raum vor. "Wie der Essalltag in Paarhaushalten mit berufstätigen Müttern gestaltet und koordiniert wird, ist bisher in Deutschland kaum untersucht worden. Unsere Studie basiert auf einem ökotrophologischen Ansatz und fügt repräsentative Zeitbudgetdaten und detaillierte qualitative Fallanalysen zu einem umfassenden Bild der Ernährungsversorgung in Familienhaushalten zusammen", so Meier-Gräwe.

Einige Zahlen und Ergebnisse der Studie: Beköstigung ist ein Handlungsfeld, in dem sich die Ordnung der Geschlechterverhältnisse manifestiert und in dem sie immer wieder aktiv hergestellt wird. 72 Prozent aller jungen Männer zwischen 20 und 25 Jahre überlassen ihre Ernährungsversorgung vollständig ihren Müttern, Großmüttern und (Ehe)-Partnerinnen. Außerdem seien Kinder und Jugendliche heute deutlich seltener in die Mahlzeitenvor- und -zubereitung eingebunden. Ernährungsbezogene Kompetenzen und Kulturtechniken würden im Elternhaus weniger intensiv vermittelt als früher. Insbesondere für Vollzeit- oder vollzeitnah-beschäftigte Mütter sei daher eine Doppel- und Dreifachbelastung vorprogrammiert. "Ein Hauptproblem für berufstätige Mütter bei der Organisation des Essalltags besteht darin, zeitliche Kollisionen zwischen den eigenen Erwerbsarbeitszeiten, den eher starren Öffnungs- und Schließungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen und den Erwerbszeiten des Partners auszutarieren. Von Lust oder Genuss an gemeinsamen Familienmahlzeiten kann vor dem Hintergrund der Mehrfachbelastung vieler Mütter kaum mehr die Rede sein", so Meier-Gräwe.

Basierend auf dem Datenmaterial der Studie haben die Wissenschaftlerinnen eine Typologie familialer Ernährungsversorgungsstile erstellt, die innovative Ansatzpunkte für eine zielgruppenbezogene Gesundheits- und Ernährungsprävention eröffnen könnte. Sie unterscheiden die "Die berufsorientierten Netzwerkerinnen", "Die familienorientierten Traditionalistinnen", "Die aufopferungsvollen Umsorgerinnen", "Die ambivalenten Ess-Individualistinnen", "Die pragmatischen Selbstständigen", "Die überlasteten Einzelkämpferinnen" und "Die entspannten Unkonventionellen".

In keinem anderen Versorgungstyp würden Mütter – zumindest partiell – eine so verlässliche Unterstützung durch ihre Partner erfahren wie die berufsorientierten Netzwerkerinnen. Meier-Gräwe: "Väter befürworten die beruflichen Ambitionen ihrer Partnerinnen. Sie weisen durchaus ein partnerschaftliches Selbstverständnis auf und engagieren sich auch bei der Ernährungsversorgung, allerdings eher in ausführender, denn in hauptverantwortlicher Funktion." Allerdings komme es auch in diesem Versorgungstyp vor, dass beispielsweise eine vollzeitbeschäftigte Fachärztin abends vorkocht, damit die Verpflegung ihres Professorengatten an dessen Heimarbeitstag gewährleistet ist.

Die Ergebnisse zeigten insgesamt einen erheblichen gesellschaftspolitischen Handlungs- und Unterstützungsbedarf, der je nach Versorgungstyp variiere. Vor allem sei ein Ausbau von haushaltsnahen Dienstleistungsangeboten wie Serviceleistungen in Form von hochwertige Halbfertigprodukten, Salaten, Hilfen beim Einkauf oder beim Kochen sowie qualitativ hochwertige Verpflegungsangebote in Kita, Schule und am Arbeitsplatz notwendig, um Frauen und Familien stärker zu entlasten.

Wie können die vorgestellten Ergebnisse der Studie Multiplikatoren bei der Ernährungskommunikation helfen? Im Hinblick auf die unterschiedlichen Typen und Zielgruppen empfiehlt Meier-Gräwe vor allem bei einer differenzierten Bestandsaufnahme des Essalltags anzusetzen und Lebensgestaltungskompetenzen im Einzelnen zu stärken. Darüber hinaus sollten Multiplikatoren "Motivallianzen" gendersensibel nutzen und an Umbruchsituationen ansetzen.
aid, Ira Schneider

Die Studie "Essalltag in Familien – Ernährungsversorgung zwischen privatem und öffentlichem Raum" von Ingrid-Ute Leonhäuser, Uta Meier-Gräwe et al. ist 2009 als Buch im VS Verlag für Sozialwissenschaften erschienen.

Weitere Informationen:
www.aid.de

(Der Link wurde am 05.01.2010 getestet.)